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📅 Veröffentlicht: 26. Januar 2026
Steigende Energiekosten, ein volatiler Strommarkt und strengere CO₂-Vorgaben fordern neue Strategien im betrieblichen Energiemanagement. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Flexibilitätsmanagement. Wie Unternehmen damit Stromkosten und Emissionen senken und was sie bei der Einführung beachten sollten, erläutert Marvin Trapp, Consultant Energy Markets beim Veolia Tochterunternehmen ÖKOTEC.
VEOLUTIONS: Herr Trapp, warum ist Flexibilitätsmanagement gerade jetzt so wichtig für Unternehmen?
Marvin Trapp: Durch den wachsenden Anteil erneuerbarer Energien im Energiemix schwankt das Stromangebot heute sehr viel stärker als noch vor einigen Jahren. Das führt zu deutlich variierenden Preisen an den Strombörsen – und genau hier setzt das Flexibilitätsmanagement an. Unternehmen haben dadurch die Möglichkeit, gezielt auf diese Preisdynamiken zu reagieren. Auch die Vertragslandschaft hat sich verändert: Noch vor etwa fünf Jahren waren klassische Vollversorgungsverträge mit festen Preisen üblich – ganz unabhängig davon, wann der Strom tatsächlich verbraucht wurde. Inzwischen bilden jedoch immer mehr Verträge die Bewegungen an den Strommärkten ab. Das eröffnet Unternehmen die Chance, durch eine flexible Nutzung ihrer Energie Kosten zu sparen. Und nicht zuletzt leistet Flexibilitätsmanagement auch einen wichtigen Beitrag zur Stabilität des Stromnetzes.
VEOLUTIONS: Gibt es in der Netzentgeldverordnung bereits Anreize, die ein flexibles Verhalten belohnen?
Marvin Trapp: Bisher gibt es kaum solche Anreize, deren Erweiterung ist aber in der Diskussion. Die Bundesnetzagentur hat ein Verfahren zur „Allgemeinen Netzentgeltsystematik Strom“ eröffnet und im Mai 2025 ein Diskussionspapier dazu veröffentlicht – mit dem formulierten Ziel, die Netzentgeltsystematik zukunftsfähig zu machen und an die Herausforderungen der Energiewende anzupassen.
VEOLUTIONS: Welche Prozesse oder Anlagen bieten besonders viel Potenzial, um den Energieverbrauch gezielt zu verschieben oder zu steuern?
Marvin Trapp: Es gibt im Wesentlichen vier Flexibilitätsoptionen. Zum einen eignen sich Eigenerzeugungsanlagen wie Blockheizkraftwerke, Biomasse- oder Photovoltaikanlagen für einen flexiblen Betrieb. Zu Zeiten, in denen der Strom am Markt günstiger ist als aus der Eigenproduktion, kann diese heruntergefahren und mehr Strom aus dem Netz bezogen werden, was zu Kosteneinsparungen führt.
Auch Versorgungsanlagen wie Kälte- und Wärmeerzeuger oder Druckluftsysteme bieten ein großes Flexibilitätspotenzial – insbesondere dann, wenn sie mit geeigneten Speichertechnologien kombiniert werden. Denn durch die Speicher lässt sich die Erzeugung zeitlich vom Verbrauch entkoppeln. So kann beispielsweise überschüssige Photovoltaikenergie nicht nur direkt genutzt, sondern auch zwischengespeichert und später abgerufen werden. Dafür stehen thermische Speicher zur Verfügung, die Wärme oder Kälte vorhalten, Druckluftspeicher, die komprimierte Luft puffern, oder Batteriespeicher für elektrische Energie. Gerade in der Kälte- und Tiefkühltechnik entsteht dadurch erhebliche thermische Flexibilität.
Was ist Flexibilitätsmanagement?
Flexibilitätsmanagement beschreibt die Fähigkeit von Unternehmen, ihren Energieverbrauch, die eigene Erzeugung oder Energiespeicher gezielt zu steuern und an schwankende Bedingungen anzupassen. Dadurch können sie Strom nutzen, wenn er günstig oder besonders klimafreundlich ist, Lastspitzen vermeiden und sogar am Energiemarkt mitwirken. Kurz gesagt: Flexibilitätsmanagement hilft Unternehmen, Energie smarter, kosteneffizienter und nachhaltiger einzusetzen.
Tagesverlauf des Strompreises an der EPEX Spot Day-Ahead-Auktion (Cent/kWh) für den 24.09.2025 und ein beispielhaft angepasstes Verbrauchsprofil: Sinkt der Börsenpreis in Zeiten hoher Erzeugung deutlich ab, kann der Strombezug flexibel in diese Niedrigpreisphasen verlagert werden. Die Grafik illustriert potenzielle Lastverschiebungen und deren Wirkung auf das Verbrauchsprofil.
Quelle: ÖKOTEC Energiemanagement GmbH
VEOLUTIONS: Und welche ist die vierte Option?
Marvin Trapp: Die vierte Flexibilitätsoption ist die Produktion. Hier können Fertigungsprozesse so verschoben werden, dass sie dann laufen, wenn die dafür notwendige Energie am günstigsten ist. Ob sich dieser Schritt mit allen daran hängenden Prozessen lohnt, ist von Betrieb zu Betrieb sehr verschieden und sollte im Rahmen einer ganzheitlichen Betrachtung geprüft und bewertet werden.
VEOLUTIONS: Welche konkreten Vorteile entstehen für Unternehmen durch das Flexibilitätsmanagement?
Marvin Trapp: Das Flexibilitätsmanagement bietet Unternehmen auf mehreren Ebenen klare Vorteile. Wirtschaftlich ermöglicht es deutliche Kosteneinsparungen, etwa durch gezieltes Lastspitzenmanagement oder die Teilnahme an Flexibilitätsmärkten. Gleichzeitig führt die intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Standort und den dortigen Energie- und Produktionsprozessen oft dazu, dass weitere Optimierungs- und Effizienzpotenziale sichtbar werden. Ökologisch trägt Flexibilitätsmanagement zur CO₂-Reduktion bei, da erneuerbare Energien besser integriert und insgesamt effizienter genutzt werden können. Strategisch stärkt es die Unabhängigkeit gegenüber volatilen Energiemärkten und unterstützt Unternehmen dabei, ihre Nachhaltigkeitsziele glaubwürdig und messbar zu erreichen.
VEOLUTIONS: Welche Kosteneinsparungen lassen sich denn realistisch erreichen? Können Sie einmal ein Beispiel nennen?
Marvin Trapp: Wir haben 2024 für ein Blockheizkraftwerk Folgendes errechnet: Wenn man ein BHKW mit rund 1 MW Leistung marktpreisorientiert betreibt, lassen sich um die 50.000 Euro pro Jahr einsparen. Die Berechnung basiert auf der Annahme, dass das Unternehmen sein BHKW dann abschaltet, wenn der Strom aus dem Netz günstiger ist und diesen bezieht. Perspektivisch werden die Werte durch die zunehmende Volatilität vermutlich noch steigen. Es bieten sich also schon jetzt signifikante Kostenvorteile durch das Flexibilitätsmanagement an.
„Flexibilitätsmanagement ist dann erfolgreich, wenn alle relevanten Bereiche eingebunden sind – und es nicht als zusätzliches Projekt, sondern als gemeinsames Erfolgsmodell verstanden wird.“
Marvin Trapp, ÖKOTEC Energiemanagement GmbH
VEOLUTIONS: Wie können Unternehmen an das Flexibilitätsmanagement herangehen?
Marvin Trapp: Die Basis für eine erfolgreiche Umsetzung ist der Einsatz intelligenter Softwaresysteme, die das Flexibilitätspotenzial digitalisierter Verbraucher mit dem Energiemarkt managen. Im ersten Schritt gilt es, die Potenziale zu klären und herauszufinden, welche Einsparungen realisierbar sind. Entscheidend ist jedoch, dass das System vor Ort gelebt wird. Eine leistungsfähige Software bildet zwar die technische Grundlage, doch darauf muss eine offene Kommunikation aufbauen. Denn Flexibilitätsmanagement ist dann erfolgreich, wenn alle relevanten Bereiche – also Energieeinkauf, Energiemanagement, Produktion und Instandhaltung – eingebunden sind. Wenn alle Beteiligten die Ziele und den Nutzen erkennen, steigt die Akzeptanz, und Flexibilitätsmanagement wird zum gemeinsamen Erfolgsmodell.
VEOLUTIONS: Welche Rolle spielen Softwarelösungen wie EnEffCo® bei der Einführung und Umsetzung des Flexibilitätsmanagements?
Marvin Trapp: Unsere Software für Energieeffizienz-Controlling EnEffCo® ermöglicht es, Energie- und Prozessdaten zu erfassen, auszuwerten, zu überwachen und zu prognostizieren. Außerdem können damit Sollwerte für eine optimale Betriebsführung vorgegeben werden. Wir haben die Software inzwischen deutlich erweitert – dadurch können jetzt auch externe Faktoren, wie Strompreise oder Wetterdaten, in die Prognosemodelle und damit den Entscheidungsprozess mit einfließen. Für die Umsetzung des Flexibilitätsmanagements beinhaltet EnEffCo® drei Module, jeweils mit ihrem eigenen Schwerpunkt. Dazu zählen das Forecast-Modul mit dem Fokus auf der Entwicklung präziser Bedarfs- und Verbrauchsprognosen, der Smart-Optimizer für die Berechnung optimaler Anlagenfahrpläne sowie das Spitzenlastmanagement für die Live-Überwachung von Energiebezügen und die Automatisierung von Lastabwürfen oder -erhöhungen. Und durch die Schnittstellen zwischen EnEffCo® und den meisten Messsystemen kann die Software diese auswerten. Mithilfe von EnEffCo® lässt sich also der Stromverbrauch von Zeiten mit hohen Strompreisen in Zeiten mit niedrigen oder sogar negativen Preisen verlagern. So kann die Produktion energetisch geplant, flexibel gestaltet und an sich ändernde Rahmenbedingungen angepasst werden. ÖKOTEC begleitet dabei den ganzen Prozess auch beratend und steht den Kunden bei Anpassungen zur Seite.
VEOLUTIONS: Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Trapp!
Spitzenlastmanagement Kälteversorgung
„Mit der Expertise von ÖKOTEC und EnEffCo® können wir unsere Kälteanlagen bedarfsgerecht einsetzen und dabei Kosten sparen.“
Falco Labrenz, Engineering Coordinator/ENMB. Ornua Deutschland GmbH setzt im Werk Neukirchen-Vluyn seit 2016 EnEffCo® als integriertes Controllingtool für Energieeffizienz und Lastflexibilität ein.
Diese Leistungen bietet ÖKOTEC im Bereich Flexibilitätsmanagement an:
Konzeption und Bewertung
- Bewertung der Einsatzmöglichkeiten und Restriktionen flexibler Anlagen unter Berücksichtigung von Preis- und Wetterprognosen
- Modellierung und Analyse sowie wirtschaftliche Bewertung des Flexibilitätseinsatzes und der Investitionen
- Konzeption der Betriebsstrategie und Umsetzung auf Feldebene
Spitzenlastmanagement
- Erfassung von Restriktionen der Betriebsmittel, der Flexibilität einzelner Anlagen sowie der Produktionsabläufe
- Robuster Trend des Strombezugs innerhalb der laufenden Viertelstunde
- Ausgabe von Handlungsempfehlungen (digitale Alarm- oder Steuersignale)
Prognose
- Berücksichtigung relevanter und nicht-deterministischer Einflüsse (z. B. Verbrauch, Erzeugung, Preise, Wetter, Betriebseinschränkungen)
- Erstellung von Prognosen für Erzeugung, Verbrauch und Preise auf Basis der Produktionsplanung und Wettereinflüsse
- Ermittlung des Risikos von Prognoseabweichungen
Integrierter Flexibilitätseinsatz
- Modellierung unter Berücksichtigung technischer und betrieblicher Restriktionen (z. B. temporäre Leistungsgrenze, Mindeststillstandszeiten, An- und Abfahrprozesse)
- Optimierungsumgebung (Nutzung der EnEffCo®-Software einschließlich mathematischer Optimierungsinstrumente)
- Ermöglichung des Datenaustauschs zwischen Betrieb und Stromversorger bzw. Netzbetreiber zur Abwicklung der Marktprozesse
Flexibles Laden von E-Fahrzeugflotten
- Datenanbindung von Ladesäulen (herstellerunabhängig)
- Analyse und Monitoring der Ladevorgänge
- Optimale und kosteneffiziente Steuerung der Ladevorgänge
Mehr Infos unter:
Ihr Ansprechpartner:
Marvin Trapp
Consultant Energy Markets
ÖKOTEC Energiemanagement GmbH
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